Der legendäre Dalton Highway - unser letztes großes Abenteuer


Reisebericht Kanada / Alaska



Einreise & Motorradimport:

Detaillierte Infos zu Einreisebestimmungen sowie zum temporären Fahrzeugimport findest du in unseren Länderinfos & Reisetipps Nordamerika & Kanada

 

Route:

Watson Lake - Whitehorse - Beaver Creek - Fairbanks - Livengood - Dalton Highway - Fairbanks - Tetlin Junction - Chicken - Jack Wade - Little Gold - Grenze USA/Kanada - (die Strecke von der Grenze nach Dawson wird in Google nicht korrekt dargestellt!) Dawson City - Whitehorse - Marsh Lake

 

Die Route auf der Google Karte dient der Übersicht und zeigt im Großen und Ganzen unsere gefahrene Strecke, im Detail kann es aber zu Abweichungen kommen.

 

Gefahrene Kilometer von Burghausen:

151.896 km

 

Währung:

Amerikanischer Dollar/Kanadischer Dollar

 

Transport: -

 

Probleme mit den Motorrädern: -

 

Stürze/ Umfaller: -

 

Gesundheit/ Verletzungen: -


 

 

Das wechselhafte Herbstwetter macht uns auf unserer Fahrt gen Norden ganz schön zu schaffen. Da wir auf den Motorrädern den ganzen Tag Wind und Wetter ausgesetzt sind, ist es gar nicht so einfach unsere durchgefrorenen Finger und Zehen abends im Schlafsack wieder auf Temperatur zu bringen.

 

Trotzdem bleibt Helmut, dick eingemummelt in seinen Schafsack, oft bis weit in die Nacht vor unserem Zelt sitzen. Warum?

Nein, nicht weil er Nachtwache hält und auch nicht, weil ich so schnarche! Es sind viel mehr die Nordlichter, auf die er wartet.

Denn der positive Nebeneffekt der späten Jahreszeit ist die Chance auf Nordlichter, die sich ab September wieder vermehrt am tiefschwarten Nachthimmel über Kanada und Alaska beobachten lassen.

 

 

Bisher meint es der Wettergott jedoch nicht gut mit uns. Die meisten Nächte sind wolkenverhangen und nur selten lassen sich ein paar Sterne am Nachthimmel blicken. Doch trotzdem sitzt Helmut weiter Nacht für Nacht in seinem Campingstuhl, sucht den Himmel ab und wartet auf die ersten Anzeichen der bunt tanzenden Aurora Borealis. Ich kann seine Zähheit und Ausdauer nur bewundern, denn mir ist es die meisten Abende schon zu kalt – oft liegen die Temperaturen nur noch um den Gefrierpunkt – und ich verziehe mich hundemüde von den langen Fahrtagen lieber ins Zelt.

 

 

Wer wie wir in Deutschland aufwächst, für den ist es völlig normal so gut wie immer ein Haus, eine Ansiedlung oder das nächste Dorf in Sichtweite zu haben. Mit durchschnittlich 236 Einwohnern/km² ist Deutschland im weltweiten Durchschnitt, der bei 60,7 Einwohnern/km² liegt, schon ganz schön dicht besiedelt. Als wir auf unsere Fahrt gen Norden die Grenze von British Columbia ins Yukon Territory überqueren, fällt uns sofort ein Schild ins Auge, auf dem zu lesen steht „Yukon Territory – Larger than Life“. Und ja, nach rund 2.000 Kilometern durch den westlichsten Bundesstaat Kanadas können wir definitiv sagen, dieses Schild hat recht!

Im Yukon leben nur etwa 0,08 Einwohner/km². Ja, richtig gelesen, 0,08 !! Einwohner.  Und ansonsten gibt es dort nichts als schier endlose Wälder, raue Berge, eisige Flüsse und Seen und eine ganze Reihe respekteinflößender wilder Tiere, denen man lieber nicht zu nahe kommen sollte.

 

Helmut und ich lieben die Natur, die Weite und die Wildnis – eine verheißungsvolle Mischung, die Aussicht auf kleine und große Abenteuer verspricht. Und damit ist schnell klar, wir lieben auch den Yukon!

Durch die späte Jahreszeit sind wir bereits mitten im berühmten Indian Summer und sobald die Sonne sich hinter den Regenwolken blicken lässt, strahlen die Laubbäume in leuchtendem gelb, orange und rot um die Wette.  Noch heute können wir uns daran erinnern, als am Horizont dann plötzlich auch noch die Gebirgszüge des Yukon Plateau auftauchten, deren Gipfel bereits weiß vom ersten Neuschnee leuchteten. Das war einer dieser Momente, in denen wir aus dem Staunen nicht mehr rauskamen. In denen wir einfach auf den Motorrädern saßen, der Mund aufklappt, sich am ganzen Körper eine Gänsehaut breit macht und wir einfach nur denken – wow. Wow, wie wunderschöne Flecken gibt es bitte auf dieser Welt!

 

 


Willkommen im "Bear Country"


 

 

Kanada beigeistert uns mit jedem weiteren Kilometer gen Norden aber nicht nur mit immer einsamerer und immer wilderer Landschaft. Auch unsere Begegnungen mit wilden Tieren werden immer häufiger, denn wir sind im sogenannten "Bear Country" - wie in Nordamerika die Regionen, in denen Bären leben, genannt werden - unterwegs.

Wusstet ihr, dass Bären nicht nur vom Duft von Lebensmitteln angelockt werden, sondern auch von Hygieneartikeln wie Deo, Parfüm oder Gesichtscreme?

Um keinen unterwünschten Bärenbesuch zu provozieren, ist es daher superwichtig, sich beim Reisen durch „Bear Country“ an einige wichtige Verhaltensregeln zu halten:

  1. Nahrungsmittel nie im Zelt oder unmittelbar daneben aufbewahren.
  2. Dreckiges Geschirr nie unabgespült über Nacht neben dem Zelt stehen lassen.
  3. Auch Hygieneartikel nie im Zelt oder unmittelbar daneben aufbewahren.
  4. Die meisten Campingplätzen und auch auf viele der für Camper ausgewiesenen Plätze in Nationalparks oder Provincial Parks verfügen über sogenannte „Bear proof food lockers“. Das sind robuste Metallschränkte bzw. Boxen, die fest mit dem Untergrund verankert sind und mit einem kleinen Schloss oder einem für Bären nicht zu öffnenden Mechanismus verschlossen werden. Wann immer möglich, haben wir diese „Schließfächer“ genutzt. (In unserem Reisebericht #127 findet ihr ein Bild eines „Bear proof food locker“ in Aktion)
  5. Gerade beim wild zelten, wo keine „Bear lockers“ zur Verfügung stehen, haben wir unsere kompletten Essensvorräte sowie Hygieneartikel immer in einen unserer Motorrad-Alukoffer gesperrt und das betreffende Motorrad wenn möglich in einiger Entfernung von unserem Zelt geparkt. Sollte sich nachts doch mal ein Bär nähern, sind wir im Zelt zumindest nicht gleich in der Schusslinie.
  6. Weil schon oft Fragen kamen, ob wir irgendeine Art von Waffe zur Selbstverteidigung auf unserer Motorradreise dabei hatten – nein, hatten wir nicht.

 

 

 

 

Allerdings haben wir uns, nachdem einige Bären ziemlich nah vor uns die Straße überquert haben und wir auch immer wieder Bärenspuren an Orten, an denen wir unser Zelt aufschlagen wollten, gesehen haben, an einem Roadhouse ein spezielles Bärenspray gekauft. Das Spray enthält hoch konzentriertes Capsaicin – seines Zeichens eine der schärfsten Substanzen der Welt – und soll einen angreifenden Bären relativ wirkungsvoll abwehren, ohne ihm bleibenden Schaden zuzufügen. Allerdings muss der Bär dafür bereits auf ca. 1 ½ bis 3 Meter herangekommen sein. Ob wir in so einem Moment noch kühn unser Bärenspray zücken, genau zielen und lossprühen könnten? Keine Ahnung! Zum Glück mussten wir das auch nie herausfinden.

 

 

 

 

Alle Bären, denen wir auf unserer Fahrt durch den hohen Norden Nordamerikas begegnet sind, waren Gott sei Dank total entspannt und nahmen keine Notiz von uns. Manche tummelten sich oft minutenlang am Straßenrand und wir konnten sie aus sicherer Entfernung beim Sonnen, bei der Nahrungssuche oder einmal sogar eine Grizzlybärin beim Spiel mit ihrem Jungtier beobachten. Neben der imposanten Erscheinung der rund 300 kg schweren Grizzly-Mama wirkten die unzähligen Schwarzbären, die wir die Tage davor beobachtet hatten, schon fast wie knuffige Teddybären!

 

 

Wir haben es (fast) geschafft. Der letzte große Meilenstein unserer Motorradweltreise liegt in greifbarer Nähe. Mit dem Erreichen der Grenze nach Alaska trennen uns „nur noch“ rund 1.300 Kilometer vom nördlichsten und letzten großen Ziel unserer Motorradweltreise.

 

 

Doch diese letzten Kilometer haben es in sich! Die Wälder werden noch endloser. Die wenigen Außenposten menschlicher Zivilisation noch seltener und trister. Das Wetter immer kälter und die Phasen, in denen der blaue Himmel über die dicken Regenwolken siegt, immer seltener.

 

 


ALASKA – Die letzte Grenze


 

Und wir?
Wir trotzen all diesen Dingen, die uns eigentlich aufs Gemüt schlagen müssten, denn unsere Vorfreude, Aufregung und Neugierde, was uns auf den letzten Kilometern unserer mehr als fünfjährigen Weltreise erwarten wird, ist fast schon übermächtig! 
Wir freuen uns trotz kalter Finger und roter Nasen wie kleine Kinder über den „Alcan Border“ Stempel in unserem Reisepass. Verewigen uns, stolz wie Oskar, mit einem TimetoRide-Aufkleber neben all den anderen Überlandreisenden, die das Abenteuer und die Entdeckerlust bis in den hohen Norden geführt hat. Und wir feiern das „North Pole“ Schild, als wären wir dem Weihnachtsmann persönlich begegnet.

 

 

Rund 4.500 abenteuerliche und zweitweise auch ziemlich herausfordernde Kilometer durch die schier endlosen Wälder und die menschenleere Weite Kanadas und Alaskas haben wir mittlerweile zurückgelegt, seit wir uns und unsere Motorräder vor einigen Wochen in Seattle auf die letzte große Etappe unserer Motorradweltreise vorbereitet haben. Und nun ist es tatsächlich so weit:

 

WIR HABEN DEN DALTON HIGHWAY ERREICHT!

 

Jetzt liegen noch einmal 666 km ungeteerte Piste durch eine fast schon unwirkliche Region hoch im Norden Alaskas vor uns. Da der Dalton Highway 1974 eigentlich nur als Versorgungstrasse für die hoch im Norden gelegenen Ölfelder mitten durch die Wildnis planiert wurde, existieren keine Ortschaften entlang der Strecke. Einzig einige wenige, teilweise mehrere hundert Kilometer weit auseinanderliegende Servicestationen dienen den LKWs der Ölunternehmen auf ihrem Weg nach Norden als Versorgungsstopps.

 

 

 

 

Diese Fakten allein klingen eigentlich schon nach Abenteuer! Für uns kommt erschwerend hinzu, dass es bereits sehr spät im Jahr und die Saison für Reisende auf dem Dalton Highway eigentlich schon längst vorbei ist. Das Wetter hier im Norden ist um diese Jahreszeit einfach schon zu schlecht und unbeständig und der nahende Wintereinbruch kreist wie ein Damoklesschwert über unseren Köpfen, denn für eine Winter-Reise sind wir Equipment-technisch definitiv nicht ausgerüstet!

 

 


Der Dalton Highway - Das letzte große Abenteuer


 

 

Aber wir sind nicht bis nach Alaska gefahren, um es nicht wenigstens zu versuchen!

 

Mit etwas mulmigen Gefühl im Bauch – einer Mischung aus aufgeregter Vorfreude und gesundem Respekt vor dem Wetter und den Streckenverhältnissen – brechen wir also von Fairbanks auf in Richtung Deadhorse. Der Morgen begrüßt uns – wie könnte es auch anders sein - mit trübem Herbstwetter und Regen. Oh nein! Schnell ziehen wir über mehrere Schichten Gewand und Motorradkombi auch noch unsere Regenkombis, ziehen unsere Halstücher bis zu den Augen hoch, Helme drüber und los geht´s!

Als wir das „Welcome to the Dalton Highway” Schild passieren, können wir es kaum glauben. Wir sind wirklich hier. Wir haben es bis hierher geschafft und nun liegen „nur noch“ ein paar hundert Kilometer vor uns, bis wir das nördlichste Ziel unserer Motorradweltreise erreichen.

 

Doch diese letzten Kilometer haben es in sich! Die Piste ist vom vielen Regen der letzten Wochen total aufgeweicht, ziemlich matschig und abschnittsweise extrem rutschig. Der Dreck spritzt nur so und bereits nach wenigen Kilometern sehen wir aus, als hätten wir bei einer Schlamm-Ralley mitgemacht. Adventure Look vom Feinsten! Irgendwann zieht dann auch noch dichter Nebel auf, der uns das Vorankommen zusätzlich erschwert, so dass wir vieeeel weniger Strecke machen als geplant. Ob wir Deadhorse unter diesen Bedingungen erreichen?

 

 

 

 

 

Wie ein Damoklesschwert hing der nahende Winter die letzten Wochen bereits über unserer Fahrt nach Alaska und trieb uns zu weiten Etappen und langen Tagen an, um den hohen Norden noch vor dem Schnee zu erreichen. Die Kälte und das schlechte Wetter zehrten einerseits ganz schön an unseren Kräften. Andererseits ließ uns die fantastische Landschaft und die oft hautnahen Begegnungen mit Elchen, Bären oder Luchsen staunend und sprachlos über so viel wilde Schönheit zurück und versorgte uns mit der nötigen Motivation, immer weiter zu fahren. 
Doch nun ist es tatsächlich soweit. Wir sind auf dem Dalton Highway unterwegs ans Nordpolarmeer, um uns herum hunderter Kilometer menschenleerer Wildnis… UND ES BEGINNT ZU SCHNEIEN!

 

 

Es liegen noch einige hundert Kilometer Strecke vor uns und die Aussicht, die Piste ohne geeignete Winterausrüstung bei eisigem Wind und Schneefall bewältigen zu müssen, sorgt definitiv für ein mulmiges Gefühl bei uns - auch wenn speziell Helmut sonst für jedes Abenteuer zu haben ist. Zunächst aber hoffen wir auf ein nur kurzes Schneegestöber und halten unseren Kurs. Als wir einige Kilometer weiter stoppen, um nochmal in Ruhe die Lage zu besprechen, hält plötzlich ein aus Norden kommender LKW neben uns. Der Fahrer lässt sein Fenster herunter und erzählt uns, dass es einige Kilometer weiter nördlich „Black Ice“ gegeben hat. Wir können mit dem Begriff zwar nichts anfangen, doch der Trucker erklärt uns, dass die Piste extrem vereist und glatt ist und bereits einige Fahrzeuge von der Fahrbahn in den Graben gerutscht sind und wir auf keinen Fall weiter nach Norden fahren sollen.

 

 

Okay, das sitzt. Wir schauen uns an, suchen den Blick des anderen. Fassungsloses schweigen. Dann spielen wir noch einmal kurz unsere Optionen durch, aber eigentlich ist die Sache klar: Wir drehen um. Das Risiko bei den aktuellen Wetterbedingungen hier oben im Nirgendwo zu verunglücken, ist uns zu groß. Wir sind nicht über 5 Jahre mit unseren Motorrädern um die Welt gereist, um auf den letzten Metern eine Dummheit zu begehen, nur um Deadhorse auf unserer Bucket List abhacken zu können.
Einen kurzen Moment lang kommen Frust und Enttäuschung in uns hoch und mir steigen die Tränen in die Augen. Es kann doch nicht wahr sein, dass wir soooo kurz vor unserem letzten großen Ziel tatsächlich umdrehen müssen!?
Aber halt! Unsere Reise steht und fällt doch nicht damit, ob wir einen bestimmten Ort erreicht haben, oder nicht! Es sind viel mehr die Erlebnisse, Begegnungen und Abenteuer auf dem Weg, die diese Reise zu etwas unvergesslichem haben werden lassen. Und gerade die letzten Wochen - unser Besuch am Gletscher, die Fahrt durch die Weiten des Yukons, das Zelten mitten in der Wildnis, unsere Bären-Begegnungen und der wunderschöne Indian Summer – all das sind Erlebnisse, die sich für immer in unsere Erinnerung eingebrannt haben. Erlebnisse, die wir nie gemacht hätten, wenn wir uns nicht auf den Weg gemacht hätten. Erlebnisse, die es wert waren, im Spätherbst noch bis in den hohen Norden Alaskas zu fahren.
Und plötzlich fühlte sich das Umkehren nicht mehr an wie versagt zu haben. Sondern wie dankbar sein über all die Dinge, die wir erleben durften. 𝗗𝗲𝗻𝗻 𝗲𝘀 𝗶𝘀𝘁 𝗻𝗶𝗰𝗵𝘁 𝗱𝗮𝘀 𝗭𝗶𝗲𝗹 𝘀𝗲𝗹𝗯𝘀𝘁, 𝗱𝗮𝘀 𝘇ä𝗵𝗹𝘁, 𝘀𝗼𝗻𝗱𝗲𝗿𝗻 𝘃𝗶𝗲𝗹 𝗺𝗲𝗵𝗿 𝗱𝗲𝗿 𝗪𝗲𝗴 𝗱𝗼𝗿𝘁𝗵𝗶𝗻, 𝗱𝗲𝗿 𝘂𝗻𝘀 𝗴𝗹ü𝗰𝗸𝗹𝗶𝗰𝗵 𝗺𝗮𝗰𝗵𝘁.

 

 

 

TIPP:

In unserem Multimediavortrag "360 GRAD FREIHEIT" geben wir ganz persönliche Einblicke in die emotionalen Achterbahnfahrt auf unserer letzten großen Motorradweltreise Etappe und nehmen euch in spannenden Videos mit auf das letzte große Abenteuer unserer Reise. Unser Vortrag ist ab sofort als Blu-Ray, Download und Stream erhältlich!

 

 

 

 

Auf dem Weg zurück nach Süden nehmen wir nicht den asphaltierten Alaska Highway, sondern den nördlicher verlaufenden „Top oft he World“ Highway, der uns in die legendäre Goldgräberstadt Dawson führen wird. Bis wir das im Yukon Territory liegende Dawson erreichen, führt uns der „Highway“ allerdings noch einmal auf einer rund 127 km langen Schotterpiste durch absolut menschenleere Wildnis und nichts als schier endlose Herbstwälder.

 

In dem kleinen Örtchen Chicken stoppen wir noch einmal kurz am lokalen Roadhouse und gönnen uns zwei heiße Kaffee, bevor es wieder hinaus in die Weite und Einsamkeit des hohen Nordens geht. Was nun folgt, ist ein wahrer Hochgenuss für uns und die Bikes!

Die Strecke führt in sanften Kurven und Kehren über einen Gebirgskamm nach dem anderen. Es herrscht Null, und zwar wirklich Null Verkehr und die Aussicht von der auf rund 1.000 Meter hoch gelegenen Bergstrecke hinab in die weitläufigen Täler und über die fernen Berggipfel ist einfach phänomenal.

Als der Himmel dann auch noch seine Schleusen öffnet und in der Ferne ein heftiger Regenschauer niedergeht, während die bereits tief stehende Sonne hinter dem dunklen Wolkenband hervorlugt und den schmalen Bereich zwischen den Regenwolken und den Bergen in gleißend helles Licht taucht, sind wir hin und weg. Dieses Naturschauspiel ist besser als jeder Kinofilm!

Vergessen ist der Frust der letzten Tage und wir freuen uns einfach riesig, dass wir diese tolle Strecke auf unserem Weg zurück nach Süden noch mitnehmen und in vollen Zügen genießen können.

 

 

 

 

Kaum zu glauben, dass mitten auf dieser einsamen Strecke der nördlichste internationale Grenzübergang Nordamerikas liegt! Dank des geringen Grenzverkehrs von nur unseren beiden Motorrädern ist die Aus- und Einreise aber nicht nur in wenigen Minuten erledigt, wir haben auch noch ein sehr nettes Gespräch mit den beiden Grenzbeamten, die hier im Nirgendwo ihren augenscheinlich ziemlich entspannten Dienst verrichten.

 

Am späten Nachmittag suchen wir uns auf einer Anhöhe eine geeignete Stelle, um unser Lager für die Nacht aufzuschlagen. Der ehemalige Steinbruch ist perfekt und bietet neben einer weitläufigen, ebenen Fläche eine absolut spektakuläre Aussicht über den Top of the World Highway und die umliegende Landschaft. Das ist wild zelten von seiner allerschönsten Seite!

 

 

Wir verbringen eine ruhige, aber auch ziemlich frische Nacht auf dem exponierten Plateau entlang des Top of the World Highways. Entsprechend dick sind wir am nächsten Morgen in unsere Pudelmützen und zwei Lagen Schlauchschals eingewickelt, um dem kalten Herbstwind des erneut wechselhaften Tags zu trotzen.

 

Während zwei Tassen dampfend heißen Kaffees unsere noch etwas müden Körper mit neuer Energie versorgen, koche ich auf unserem kleinen Benzinkocher bereits eine zweite Runde Teewasser für unsere Thermoskanne, während Helmut damit beschäftigt ist, die Motorräder zu packen. Den ganzen Abend und auch am heutigen Morgen ist kein einziges Fahrzeug auf der Piste unter uns vorbeigekommen, was uns deutlich vor Augen führt, wie einsam es hier im Niemandsland zwischen Alaska und Kanada tatsächlich ist.

 

 


Willkommen in der legendären Goldgräberstadt Dawson City


 

 

Die weitere Fahrt auf der Schotterpiste gen Osten ist ähnlich spektakulär wie am Vortag. Auch wenn man meinen könnte wir hätten uns langsam an den schier endlosen Wäldern in bunten Herbstfarben sattgesehen, da wir bereits seit einigen tausend Kilometern durch diese Landschaft fahren, ist genau das Gegenteil der Fall. Die raue, wilde und menschenleere Gegend hier im hohen Norden Nordamerikas begeistert uns jeden Tag aufs Neue und als im Laufe des Tages die legendäre Goldgräberstadt Dawson City in der Ferne auftaucht, sind wir fast etwas traurig, dass unser Abenteuer Top of the World Highway zu Ende geht.

 

Dawson City liegt, eingebettet inmitten dicht bewaldeter Bergkämme, in einem Tal am Ufer des Yukon River. Um in die Stadt zu gelangen, müssen wir eine kleine Autofähre nehmen, die den auf der linken Flussseite endenden Top of the World Highway mit der Stadt und dem auf der rechten Flussseite beginnenden North Klondike Highway verbindet. Und dann heißt es: Dawson City, wir kommeeennn!!!

 

 

Dawson City ist die wohl legendärste Goldgräberstadt Nordamerikas. Die heute rund 1.300 Einwohner zählende Kleinstadt wurde 1896 mit dem Beginn des legendären und weltweit größten Goldrauschs am Klondike River gegründet. Damals nahmen mehrere hunderttausend Goldsucher in der Hoffnung auf ein besseres Leben den beschwerlichen Weg in die raue Wildnis des Yukon auf sich.

 

Heute sind viele der historischen Gebäude sowie der vor der Stadt ankernde Raddampfer S.S. Keno originalgetreu renoviert und wirken wie ein lebendiges Freilichtmuseum. Alleine die Fifth Ave entlangzufahren fühlt sich an, als wären wir in eine längst vergangene Zeit zurückversetzt worden. Im Dawson City Museum erfahren wir viel wissenswertes über die Geschichte der Goldminen, die einstigen Goldsucher, die Rolle der Indianer während des Goldrausches und vieles mehr.

 

 

Da wir nicht in der Stadt übernachten wollen, geht es für uns am späten Nachmittag wieder hinaus in die Wälder, um ein geeignetes Plätzchen für die Nacht zu suchen. An einem einsamen kleinen See finden wir ein ebenes, brach liegendes Fleckchen direkt am Ufer, das sich perfekt als Nachtlager eignet. Schnell ist das Zelt aufgestellt und während die Sonne am Horizont untergeht und den wolkenverhangenen Himmel in ihr goldenes Licht taucht, entzünden Helmut ein kleines Lagerfeuer, das uns etwas Wärme an den immer kälter werdenden Abenden spendet.

 

 

 

 

Ich bin gerade dabei das Abendessen vorzubereiten, als ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung in den Büschen am Rand der kleinen Lichtung wahrnehme. Da wir uns nach wie vor in „Bear Country“ aufhalten, schrecke ich hoch, denn ich kann die Schemen eines mittelgroßen Tieres in den Büschen erspähen. Gebannt und mit wild schlagendem Herzen spähe ich in die nur wenige Meter entfernten Büsche, als sich plötzlich ein kanadischer Luchs mit geschmeidigen, lautlosen Bewegungen aus den Schatten löst und auf uns zu schleicht. Mir bleibt fast das Herz stehen. Einerseits bin ich heilfroh, dass es kein Bär ist, andererseits ist die Katze, die sich nun ohne jede Scheu an den Rand der Lichtung setzt und uns neugierig beobachtet, auch nicht gerade klein.

Minutenlang verharren wir drei – Helmut, der Luchs und ich – bewegungslos, beobachten uns gegenseitig und ich wage es fast nicht zu atmen. Irgendwann scheint der Luchs sein Interesse an uns zu verlieren, steht auf, streckt sich in typischer Katzenmanier und verschwindet genauso lautlos, wie er gekommen war, wieder im Dickicht des Waldes.

Ich kann euch sagen, diese Begegnung war einmalig und ist ein Erlebnis, das wir definitiv den Rest unseres Lebens nicht mehr vergessen werden!

 

 

 


Auf dem legendären Klondike Highway gen Süden


Die nächsten Tage geht es für uns auf dem legendären Klondike Highway wieder gen Süden. Schon unglaublich, dass auf der derselben Strecke bereits 1896 Goldsucher auf den Weg zum Klondike River unterwegs waren. Okay, damals war die Strecke natürlich mehr oder weniger nur ein Trampelpfad durch die raue Wildnis des Yukon, aber dennoch ein spannender Gedanke, wie stark der Klondike-Goldrausch diese Region geprägt hat und es macht uns Spaß, in unserer Fantasie ein wenig in die Geschichte dieser Zeit einzutauchen. 
Allzu lange wollen wir uns in dieser Gegend allerdings nicht mehr aufhalten, denn als wir heute Morgen die Motorräder aufgepackt haben, wirbelten zarte Schneeflocken durch die eisige Morgenluft. Zum Glück blieb der Schnee nicht liegen, aber eins steht trotzdem fest: Unsere Zeit im hohen Norden Nordamerikas ist gezählt.
Der Klondike Highway führt uns durch ein Meer aus leuchtenden gelb und orange Tönen, denn der Indian Summer hat mittlerweile seinen Höhepunkt erreicht und erste Bäume sind bereits dabei, ihre bunte Blätterpracht abzuwerfen. Immer wieder erhaschen wir von der Straße aus einen tollen Blick auf den Steward River, an dessen Ufer vereinzelte, leuchtend rote Blockhütten stehen. Die Landschaft hier ist wirklich ein Traum!
Wie jeden Tag beginnen wir bereits einige Zeit vor der Dämmerung nach einem geeigneten Plätzchen für die Nacht zu suchen. Leider fährt sich Helmut im Laufe der Suche auf einer kleinen Schotterstrecke einen großen und langen Nagel in seinen Hinterreifen, der nicht nur den Reifen selbst, sondern auch den Schlauch durchbohrt. So ein Mist! 
Jetzt heißt es Gas geben, damit wir den platten Reifen noch vor dem Einsetzen der Dämmerung gerichtet bekommen. Zum Glück hat Helmut immer einen Satz Ersatz-Schläuche dabei, so dass wir, wenn es wie in diesem Fall pressiert, einfach den kaputten Schlauch wechseln können. Die Suche nach dem Loch und die Reparatur des beschädigten Schlauchs vertagen wir auf die kommenden Tage.

 

TIPP:

Falls ihr Tipps zu den wichtigsten Werkzeugen & Ersatzteilen sucht, die ihr auf einer Motorradreise dabie haben soltet, in unserer Rubrik Reiseplanung -> Ausrüstung Motorrad & Reise -> Werkzeug & Ersatzteile findet ihr eine detaillierte Liste unserer Ausrüstung.

Vieles davon ist selbst auf kurzen Touren sehr hilfreich, denn ein platter Reifen beispielsweise kann schnell mal die Laune verderben, wenn man kein passendes Werkzeug dabei hat!

 

 

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Im letzten Dämmerlicht finden wir tatsächlich noch eine traumhafte, absolut einsam gelegene Waldlichtung mit Blick auf den Steward River, auf der wir unser Zelt für die Nacht aufschlagen. Heute haben wir seit langem eine sternenklare Nacht und so stehen die Chancen gut, dass wir nach Wochen des Wartens und vergeblichen nächtlichen Ausharrens endlich Nordlichter sehen könnten.
Während ich das Zelt schon mal kuschelig mache, läuft Helmut die Lichtung auf der Suche nach dem optimalen Fotospot ab, damit alles perfekt vorbereitet ist, falls uns die Aurora Borealis heute Nacht tatsächlich endlich die lang ersehnte Lichtershow liefert, auf die wir jetzt schon sooo lange sehnsüchtig warten.
Ob sich das Warten diesemal lohnt? Das erfahrt ihr im nächsten Reisebericht! :-)

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Kommentare: 1
  • #1

    Tom (Donnerstag, 18 April 2024 13:04)

    Hey Moin ihr beiden
    Nachdem wir uns (weia, zehn Jahre her) in Neuseeland getroffen haben, verfolge ich natürlich weiter eure Aktivitäten...
    Dass nun der Bericht über eure Tage im hohen Norden fertig ist erfreut mich besonders!
    Der ist echt klasse geschrieben.
    Weiterhin viel Spass auf euren Reisen!
    Viele Grüße
    TOM

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