Mittelamerika #1 - Jamaika - Teilzeit-Piraten!

 Wir haben vor Monaten bereits die Verschiffung unserer Motorräder mit der unter Bikern berühmten Stahlratte (www.stahlratte.de), einem knapp 40 m langen Zweimaster-Segelschiff von 1903, gebucht.

 

Doch da die Stahlratte nicht am Pier liegt, sondern in der Bucht vor Cartagena ankert, müssen wir unsere Motorräder erst einmal zum Schiff bekommen. Als wir das kleine Boot sehen, in das wir unsere schweren Reisemotorräder per Hand heben sollen, bleibt uns erst mal der Mund offen stehen! 

Das soll doch jetzt ein Scherz sein, oder!?

 

Nein, es ist kein Scherz!

Um Gewicht zu reduzieren packen wir unsere Bikes erst mal ab und entfernen auch die Alukoffer. Zusammen mit vier Hafenarbeitern und einem weiteren Motorradfahrer hievt Helmut unsere Motorräder schließlich in die kleine, motorgetriebene Nussschale, die unsere Motorräder eines nach dem anderen in einer gut 20 minütigen Fahrt quer durchs Hafenbecken zur Stahlratte transportiert.


Bea´s „Dicke Rosi“ macht den Anfang und nach einiger Plackerei steht sie dann auch tatsächlich in dem kleinen Beiboot, in dem auch Helmut, der Steuermann sowie ein weiterer Arbeiter Platz nehmen, um das Motorrad so gut es geht in senkrechter Position zu HALTEN. Ja richtig gelesen, HALTEN, und zwar zu beider Seiten an den Griffen! Einen Zurrgurt konnte auf die Schnelle keiner auftreiben und so steht Helmut auf der Überfahrt mehr als einmal der Angstschweiß auf der Stirn, als das kleine Boot auf Grund des starken Wellengangs vorbeifahrender Frachtschiffe so sehr ins Wanken gerät, das er sich nicht mehr sicher ist, ob die „Dicke Rosi“ nicht jeden Moment einfach kopfüber auf Nimmerwiedersehen ins Meer stürzt.


 Da wohl selbst den Hafenarbeitern die erste, ungesicherte Überfahrt zu riskant erschien, treiben sie für die zweite und dritte Runde zum Glück einige lange Spanngurte auf, mit denen wir die beiden übrigen Motorräder halbwegs stabil auf dem kleinen Boot verzurren können.

 

An der Stahlratte angekommen, werden einige dicke Taue um unsere Motorräder gebunden, bevor sie mit Hilfe einer Seilwinde von dem kleinen Motorboot an Deck des Segelschiffs gehievt werden. Es dauert fast vier Stunden bis alle drei Motorräder sicher verzurrt an der Reling der Stahlratte lehnen und zum Schutz vor Spritzwasser sowie der salzhaltigen Meeresgischt in große Plastikplanen eingewickelt sind. Was für ein Akt!


Nach so viel Aufregung und Plackerei genießen wir die die Fahrt vom Industriehafen, wo die Stahlratte ihre Dieselvorräte aufgefüllt hatte, zurück zu unserem Ankerplatz direkt vor den Toren Cartagenas, wo wir die Nacht verbringen.


Wir nutzen den restlichen Nachmittag um uns mit dem Schiff vertraut zu machen und jede Ecke und Nische des Großseglers zu erkunden. Da das in der geschützten Bucht vor Anker liegende Schiff noch nicht besonders stark schaukelt, können wir auch noch ein wenig an unseren Laptops arbeiten.


 An unserem letzten Abend in Kolumbien genießen wir einen traumhaften Sonnenuntergang über der Skyline Cartagena´s und lernen die anderen vier Passagiere, die drei Crewmitglieder - Gabi, Ete und Björn - sowie Kapitän Lulu bei einem geselligen Abendessen besser kennen.

 

Außer uns ist nur noch ein weiterer Motorradfahrer – Martin aus Österreich – mit an Bord. Er ist seit einigen Monaten auf einer KLAR 650 durch Südamerika unterwegs. Die anderen Passagiere – Felix und Martin aus Berlin, sowie Conny, eine weitere Deutsche – sind mit dem Rucksack unterwegs.


Die Stahlratte ist im Übrigen ein Non-Profit-Unternehmen. Das bedeutet, dass die Crewmitglieder alle unentgeltlich in ihrer Freizeit an Bord helfen und die Einnahmen durch die Segelturns mit Passagieren und Motorradfahrern fast vollständig in den Unter- und Erhalt des Stahlgiganten fließen.



Unsere erste Nacht an Bord verläuft ruhig und wir schlafen tief und fest. Am Morgen unserer Abfahrt sind wir dennoch schon früh auf den Beinen und beobachten die Sonne, wie sie hinter einigen riesigen Hafenkränen aufsteigt, während wir auf dem riesigen Tisch auf dem Oberdeck der Stahlratte ein leckeres Frühstück für alle vorbereiten.


Während Kapitän Lulu noch die letzten Formalitäten erledigt, spielen wir schon mal Kapitän und Helmut macht sich mit dem gigantischen Dieselaggregat vertraut, dass tief im Bauch der Stahlratte verborgen liegt. Obwohl die Stahlratte ein waschechtes Segelschiff ist, kann es je nach Route vorkommen, dass der Wind zu schwach oder aus der falschen Richtung kommt. In diesen Fällen, oder wenn das Schiff im Hafen manövrieren muss, kommt das riesige Dieselaggregat zum Einsatz.


 Wir erspähen sogar eines der Marine-U-Boote, die vor der kolumbianischen Küste patrollieren, um den Drogenschmuggel zwischen Kolumbien und Zentralamerika – sei es per Boot oder sogar per Mini-U-Boot – zu verhindern.

Patroullierendes  U-Boot vor der kolumbianischen Küste auf der Suche nach illegalen Drogeschmugglern.

Am frühen Nachmittag wird es dann ernst. Nach einer kurzen Sicherheitseinweisung durch Crewmitglied Ete verlassen wir den Hafen von Cartagena und hissen die Segel der Stahlratte. Auch wir Passagiere müssen/dürfen kräftig mit anpacken, denn auf der Stahlratte läuft alles noch per Hand und eines können wir nun definitiv sagen: Segel hissen ist echte Schwerstarbeit, doch mit vereinten Kräften haben wir alle bald gesetzt. Der kräftige Wind bläht die Segel massiv auf und verleiht der Stahlratte, die nun gut 10 Grad Schräglage hat, ordentlich Tempo.


 Sobald wir das ruhige Hafenbecken verlassen haben, kommt zu der von den Segeln verursachten, permanenten leichten Schräglage auch noch ordentlicher Wellengang - die Gewässer der Karibik zählen zu den rauhesten der Welt - hinzu.

 

Die nächste Aufgabe für uns Passagiere – Deck schrubben – wird bereits zur ersten Herausforderung, denn das Schiff schwankt so stark, dass wir nicht mehr Laufen können, ohne uns permanent irgendwo festzuhalten.

Deck schrubben auf der Stahlratte. Kein einfaches Unterfangen bei dem Seegang.

 Die Stahlratte schaukelt trotz fast 40 m Länge und massiver Stahlhülle wie ein Papierschiffchen auf den immer höher werdenden Wellen hin und her. Ständig schießt der Bug über eine Welle hinweg und wird dadurch mehrere Meter in die Luft katapultiert, bevor er mit einem dumpf-klatschenden Geräusch wieder auf der Wasseroberfläche aufschlägt. Regelmäßig fegen Wellen über das Oberdeck hinweg und tränken unsere in Planen eingewickelten Motorräder mit salzigem Meerwasser. Puh, wenn das so weiter geht, wird das ja eine „lustige“ Überfahrt!

 

Gegen Abend wird es still auf dem Boot. Von der anfänglichen Euphorie der Passagiere ist nicht mehr viel übrig. Einer von ihnen hängt bereits seit Stunden über der Reling und übergibt sich fleißig ins karibische Meer und auch uns ist etwas flau im Magen.

So beschließen wir, uns heute bereits früh schlafen zu legen und das Abendessen ausfallen zu lassen. Doch Schlafen ist bei derartigem Gewackel leichter gesagt als getan! Die halbe Nacht rollen wir auf unserem Bett hin und her, vor und zurück. Wir dösen nur vor uns hin und wachen ständig wieder auf, denn das dumpfe, dröhnende Geräusch, wenn der Schiffsbug mal wieder in die Luft schießt, nur um Sekunden später wieder zurück aufs Wasser zu krachen, begleitet uns die ganze Nacht.



Obwohl wir am nächsten Morgen ziemlich gerädert von der fast schlaflosen Nacht sind, so machen wir uns bereits zum Sonnenaufgang auf an Deck. Die frische Luft und der Blick über das unendlich weite, karibische Meer beruhigen nicht nur unser Gleichgewichtsorgan, sondern auch unseren Magen.


 An Tag zwei haben wir uns völlig an das ständig, stark schwankende Boot gewöhnt und auch den anderen Passagieren geht es mittlerweile deutlich besser. Zudem können wir uns mittlerweile fast ohne Festhalten an Bord bewegen – auch wenn Bea nach einem unerwartet heftigen Schwank des Boots beinahe die Treppe zum Unterdeck hinunter gepurzelt wäre. :-)

 

Selbst das unangenehme Gefühl der sich ständig bewegenden, geschlossenen Räume, die unseren Gleichgewichtssinn am Anfang ziemlich durcheinander gebracht haben, wird nun erträglich. So macht nun auch der Küchendienst richtig Spaß und wir können der Crew endlich helfend zur Hand gehen. Nach einem ordentlichen Frühstück erklimmt Helmut ganz mutig das Netz, das sich direkt vor dem Bug des Schiffs aufspannt und genießt die phänomenale Aussicht sowie die leichte Gischt, die vom Meer her nach oben spritzt.


Auch die beiden Berliner Martin & Felix genießen die ganz spezielle Aussicht aus dem Netz, bevor wir zusammen mit ihnen bei einem „Feierabendbier“ auf den ersten ohne Unwohlsein verbrachten Segeltag anstoßen.


An die etwas ungewöhnliche Gardena-Schlauch-Dusche sowie die Pump-Klospülung – man pumpe mit dem Hebel mit nicht zu unterschätzendem Kraftaufwand mindestens 20 Mal und schon fließt das Wasser! :-) – haben wir uns mittlerweile gewöhnt.




 Insgesamt sechs Tage segeln wir nur mit Hilfe des Windes auf offener See. Uns Landratten kommt diese Zeit vor wie eine halbe Ewigkeit, in der wir nur Wellen und Meer sehen, soweit das Auge reicht. Da kommen Aufgaben wie Küchendienst, Deck schrubben oder zusammen mit einem der Crewmitglieder Wache halten, ganz gelegen, um sich die Zeit zu vertreiben und auch um einen interessanten Einblick in das Leben und die Arbeit an Bord eines Segelschiffs zu bekommen.

 

Vor allem die Nachtwachen sind ein ganz besonderes Erlebnis. Obwohl wir in der Karibik unterwegs sind, wird es Abends ziemlich kühl und so ziehen wir sogar unsere Mützen und Windbreaker-Jacken an, um uns vor der kalten Nachtluft und der Meeresgischt, die unaufhörlich über das Segelboot hinweg geblasen wird und überall einen leicht salzigen Film hinterlässt, zu schützen.

So eingemummt halten wir immer abwechseln mit der Crew eine dreistündige Wache. Wir beobachten den Horizont und kontrollieren ihn auf in der Ferne vorbeifahrende Schiffe, überwachen den Kurs, halten das Logbuch auf dem Laufenden und kontrollieren das Schiff regelmäßig auf technische Probleme.

 

Es ist mitten in der sechsten Nacht, als wir in unseren Zielhafen einlaufen, doch nun ist jede helfende Hand gefragt, um die Segel einzuholen und das Schiff klar zum Ankern zu machen und so holt uns die Crew mit lauten Rufen aus den Betten. Es dauert gut eine Stunde, dann sind die Segel eingeholt und sicher verzurrt und die Stahlratte liegt sicher im Hafen von Port Antonio in Jamaika vor Anker.

 

Noch sind wir nicht auf Kuba, aber diese Insel ist nicht weniger spannend, ist sie doch die Heimat von Reggae-Legende Bob Marley.

 

YAAAH MAN... dazu aber mehr in unserem nächsten Reisebericht! :-)



zurück

Vorheriger Bericht..                                                                                                                                                                         Zum nächsten Bericht..

Infos am Rande
[x]

Dokumente für die Einreise:

Reisepass - Visum (90 Tage bei Einreise)

 

Gefahrene Route:

Cartagena (Kolumbien) - Port Antonio (Jamaika)

 

Gefahrene Kilometer von Burghausen: 116.153 Km

Spritpreis: 0,88 €/Liter (90 Oktan)

                  
Währung: Jamaika Dollar

Ortszeit: - 6 Stunden (Sommerzeit)

Transport:

- Per Segelschiff von Cartagena (Kolumbien) über Port Antonio (Jamaika) nach Santiago de Cuba (Cuba)

Mehr Infos findet ihr in unserem Fazit Südamerika

 

Probleme mit den Motorrädern: -

 

Stürze/ Umfaller: -

Gesundheit/ Verletzungen:

- leichte Seekrankheit (Beide)


Kommentar schreiben

Kommentare: 4
  • #1

    Tom/Oggy (Montag, 06 Juni 2016 10:52)

    Servus es zwoa,

    WOW! Was ein Abenteuer. Das ist schon eine ganz andere Hausnummer im Vergleich zum Segelbötchenfahren auf dem Chimsee.
    Allein schon das Verladen von Rosi und Alperer. Habt ihr beim Anlegen die Mopeds auch wieder mit dem Beiboot an Land bringen müssen?

    Gruss aus R,
    Tom

  • #2

    Don Pedro (Donnerstag, 09 Juni 2016 22:38)

    Servus Bea + Helle,
    ich wäre bei der Verladung des Bikes schon völlig ausgerastet oder hätte einen Herzinfarkt bekommen. Die Stahlratte hat doch schon viele Bike-Reisende nach Jamaika verfrachtet, warum ist da der Zubringerverkehr so dilettantisch, wenn sie gerade nicht am Pier liegt?
    Na ja, ist ja gut gegangen. Jetzt seid Ihr auch noch als Seeleute tätig gewesen; lasst Ihr eigentlich nichts aus? Es ist dermaßen geil, mit Euch zu reisen; es macht immer den Eindruck, selbst dabei zu sein.
    In Jamaika kommt jetzt sicherlich eine coole, entspannte Zeit für Euch mit Reggae und süßem Gras - das habt Ihr VERDIENT.
    ... und Helle, iss nicht wieder das grüne Speiseeis, sonst kotzt Du wieder ... ;-) Ich sage nur MMS ...
    Beste Grüße
    Don Pedro

  • #3

    Chris (Mittwoch, 29 Juni 2016 01:48)

    Servus,
    alleine diese Bilder....Gigantisch! Frage, kann man Bilder von Euch erwerben? Habe so ein paar die ich mir gerne an die Wand hängen möchte. Dann war ich noch intensiver dabei;-)
    Moinmoin aus Bremen,
    Chris

  • #4

    Bea & Helmut (Donnerstag, 30 Juni 2016 20:49)

    @Tom:
    Jaaa, uns stand definitiv der Schweiß auf der Stirn! :-)
    Aber zum Glück war das eine einmalige Aktion. In den anderen Häfen konnten wir die Motorräder mit der Seilwinde immer direkt vom Boot auf das Pier hieven.
    @Don Pedro:
    Vielen Dank für dein tolles Kommentar! :-)
    Der Segelturn war definitiv eine Erfahrung für sich, auch wenn er leider nicht so romantisch war, wie wir uns einen Segeltrip durch die Karibik eigentlich vorgestellt hätten... :-)
    Aber anders wäre es ja auch langweilig! :-)
    @Chris:
    Erst mal vielen Dank für dein Lob bezüglich unserer Fotos, das freut uns sehr! :-)
    Und ja, seit kurzem kann man einige unserer Bilder auch kaufen - sei es als Poster, auf Leinwand oder sogar ziemlich extravagant auf Acrylglas oder Alu!
    Mehr Infos zu unserer neuen Online-Galerie "BrokenSpoke Fotografie" findest du hier:
    https://brokenspoke.fotograf.de/
    Herzliche Grüße,
    Bea & Helmut

Anmelden und nie wieder ein Abenteuer verpassen!

Mehr von uns auf Facebook



SUPPORTED BY